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Chuck Ragan: Ein Abend voller Country, Folk sowie zahlreichen Holzfällerhemden, Bärten und Beanies im Dynamo Saal in Zürich

chuck ragan_ dynamo zürich 2015

Als die Vögel am 31.03.15 um 6 Uhr morgens in Konstanz zwitschern, herrscht Dunkelheit und Sturm „Niklas“ sorgt für ordentlich Wind. Es ist der Tag an dem ein Student unter unmenschlichen Bedingungen seine Abschlussklausur in Herrgottsfrühe schreibt und Chuck Ragan am selben Abend im unweit entfernten Zürich die Bühne betritt. Nun soll der (erste) Schlussstrich unter das Studium angemessen gefeiert werden. Anstatt zur Flasche zu greifen, entscheiden ich und meine Begleiterin uns für das Konzert, während lediglich der langhaarige und bärtige Blogger im Fernbus die unangenehme Personenkontrolle von der schweizerischen Grenzpolizei über sich ergehen lassen muss.

Der Dynamo Saal liegt direkt am Limmat und vor Konzertbeginn genießen wir noch die letzten wenigen Sonnenstrahlen in Zürich. Es dauert nicht lange und die Location füllt sich mit zahlreichen Holzfällerhemden, Bärten und Beanies, wodurch die weibliche Fanschar deutlich in Unterzahl gerät. Dabei herrscht auf der Bühne immenser Testosteronüberschuss.

Pünktlich um 20 Uhr betritt Akustik-Punker Tim Vantol aus den Niederlanden mit seiner Gitarre die Bühne und heizt mit zahlreichen Songs von „If We Go Down, We Will Go Together“ dem Publikum ein. Während die Songs auf Platte durch Schlagzeug und Backgroundgesang unterstützt werden, hilft an diesem Abend nur die anwesende Meute an der einen oder anderen Stelle, immer wenn Tim Vantol seinen Platz am Mikrophon verlässt. Neben seinen spielerischen Fähigkeiten und seinem bemerkenswerten Talent als Songwriter überzeugt der junge Mann aus Amsterdam vor allem durch seine unverkennbare Stimme. Seine Herkunft kann er jedoch nicht ganz leugnen, er singt und spricht mit Akzent. Mit Folkrock auf der Akustikgitarre und Punkrock-Attitüde gilt der Niederländer als sehr gut getroffene Wahl für das Vorprogramm dieses Abends. Für den spielfreudigen und talentierten Support endet der Auftritt nach 30 Minuten und bleibt sicherlich für weitere Support-Shows von Chuck Ragan ein Favorit. Beide verbindet bereits seit einigen Jahren eine Freundschaft.

Skinny Lister aus England begeistern dagegen mit einer umtriebigen Sängerin, Instrumenten wie Akkordeon und Kontrabass und mit noch mehr Spielfreudigkeit. Dementsprechend treten die Inselbewohner aufs Gas und lassen ebenfalls ihre Riesenpulle Schnaps durchs Publikum gehen, welches sich größtenteils weigert daraus zu trinken. Für die Stimmung und die Sympathie der Band dennoch ein Pluspunkt. So performt die sechsköpfige Band ihren Stil, der sich irgendwo zwischen Folk, Punk und Indie einordnen lässt mit übermäßigem Enthusiasmus. Neben Bar tauglichen Trinkhymnen gibt es auch die eine oder andere ruhige und melancholische Einlage, die für Abwechslung sorgt. Das Publikum regt sich dabei nur sporadisch, empfängt den Kontrabassisten jedoch mitsamt Instrument herzlich als Crowdsurfer. Den beflügelten Skinny Lister fällt es deshalb nicht schwer eine gelungene Bühnenshow abzuliefern und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Dem Schweiß der Musiker steht jedoch ein größtenteils statisch wirkendes Publikum gegenüber, das sich im Laufe des Abends auch nicht mehr zum Tanzen bewegen lässt. Dabei haben Skinny Lister in knapp 40 Minuten alles richtig gemacht.

Im gut gefüllten Saal wird es dennoch warm und der vordere Bereich füllt sich noch mehr, als der Chuck Ragan-Banner hochgezogen wird und der Hot Water Music-Sänger mit Band die Bühne betritt. Die Erwartungen nach dem letzten Studioalbum „Till Midnight“ und dem grandiosen Live-Album „Live At Skaters Palace“ sind hoch. Der bärtige Frontmann trägt wie zu erwarten Holzfällerhemd, hält das hohe Niveau seiner Support-Acts und beeindruckt vor allem mit seiner rauen und unverkennbaren Stimme, die im Konzertsaal noch authentischer und überwältigender wirkt, als dies auf CD oder Vinyl der Fall ist. Während die Songs unter anderem Themen wie Sehnsucht, Liebe und den Tour-Alltag behandeln, trifft Chuck mit seiner emotional geprägten und Whisky getränkten Stimme nicht nur die Töne, sondern bewegt auch die Herzen seiner treuen Fans. Schließlich entstand bereits ein Livealbum in der Hafenkneipe Zürich. Geige, Schlagzeug, Gitarre und Mundharmonika harmonisieren miteinander und lassen die Herzen aller Cowboys und Cowgirls höher schlagen. Dementsprechend feiert das Publikum durch lautstarken Applaus den Singer und Songwriter. Musikalisch unterscheidet sich das Hot Water Music-Mitglied vor allem durch seinen hohen Country-Anteil von seinen Vorgängern, verzichtet jedoch nicht auf Folk-Elemente, sondern widmet sich beiden Genres gleichermaßen und kreiert eine bedeutende Musikrichtung, welche vor allem durch ihn selbst in der Vergangenheit an Aufmerksamkeit gewonnen hat. Ob „Rotterdam“, „Non Typical“ oder „Bedroll Lullaby“, Chuck Ragan gibt sein letztes Hemd, singt und spielt überzeugend über die 90 Minuten hinweg, mal mit, mal ohne Band.

Obwohl sich das Publikum den gesamten Abend über zurückhaltend verhält, wurden die Erwartungen an Chuck Ragan sowie an den gesamten Abend erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen. Die kurze Reise ins schweizerische Zürich hat sich deshalb ohne Zweifel gelohnt. Chuck Ragan und seine Support-Acts hinterlassen einen mehr als positiven Eindruck bei uns, bevor wir das Dynamo um 23.15 verlassen und in der Bar „Mata Hari“ landen, um die Zeit bis zur Rückfahrt mit dem Bus vertreiben.

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