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With Full Force 2014: Drei Tage auf dem härtesten Acker. Ein Festivalbericht.

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Mein letztes With Full Force-Festival ist schon fünf Jahre her. Nach drei Jahren infolge, legte ich notgezwungen eine mehrjährige Pause ein und widmete mich anderen Festivals. Nichtsdestotrotz trifft das Line-up des härtesten Ackers nach wie vor meinen Geschmack, weshalb ich mich am 03.07. zusammen mit einem Kollegen auf nach Roitzschjora mache.

Tag 1:

Nachdem wir die erste Nacht an einem nicht weit entlegenen See verbringen und morgens verbotenerweise darin baden, fahren wir mit dem Auto schnurstracks zum Festivalgelände und schlagen unser kleines Zelt auf. Schließlich sollen Being As An Ocean um 13 Uhr das WFF beginnen. Nach immensem Andrang dauert der Einlass jedoch länger als erwartet und die Post-Hardcore-Band beendet, in dem Moment als ich das Hardbowl-Zelt betrete,  mit der Hymne „The Hardest Part Is Forgetting Those You Swore You Would Never Forget“ ihren 35-minütigen Auftritt. Kurz darauf prügeln Of Mice & Men in gewohnter Metalcore-Manier mit Sample-Einsatz und klarem Gesang ihre Songs vor einem Zelt voller Szene-Kiddies. Jedoch wird es beim Hardbowl erst richtig ungemütlich als Stick To Your Guns fast ausschließlich Songs vom Überalbum „Diamonds“ spielen und als Melodic Hardcore-Band zum Moshen und Mitsingen gleichermaßen einladen.

Dagegen zocken auf der Hauptbühne die Ziegen von Milking The Goatmachine ihre eigene Interpretation von Deathgrind auf monotone Weise und verfehlen ihre urkomische Wirkung, die Songs wie „Milk Me Up Before I Go Go“ auf Platte entfalten. Erst als die kanadischen Deathklampfer von Kataklysm spielen, verwüsten sie die Mainstage und lassen mit Fistpumping Stimmung aufkommen. Leider Gottes folgt im Laufe des frühen Abends eine Unterbrechung wegen des WM-Spiels Deutschland gegen Frankreich. Die Zeit nutze ich um meinen Wassertank auf dem Campingplatz nachzufüllen. Es ist brennend heiß und jedes Konzert, das unter dem Schatten des Zeltes stattfindet, findet glückliche Fanscharen beim Hardbowl.

Den frühen Abend läuten Callejon mit Songs wie „Sommer, Liebe, Kokain“ oder „Porn From Spain 1 + 2“ ein und wirken mit platten dafür humorvollen und coolen Texten sicher im Umgang mit dem Publikum. Die Stimmung steigt und Hatebreed bringen als Lieblingsband und Stammgäste auf dem WFF das Fass zum Überlaufen. Die Meute kocht und hat Bock auf die Songs von „The Divinity Of Purpose“ und Klassiker von „The Rise Of Brutality“ oder „Perseverance“. Was folgt ist eine radiotaugliche Show von den Elvis-Metallern Volbeat mit Lichtshow und einiger Pyrotechnik. Die reichlich angereisten Frauen freuen sich über eingängige Songs und feiern die Dänen über 90 Minuten hinweg. Ich dagegen hätte die Band gerne, wie vor einigen Jahren noch, mittags bei Sonnenschein auf der Mainstage betrachtet und mich nach 30 Minuten wieder von ihnen verabschiedet.

Nachdem ich gefühlte 10 Liter Wasser über den Tag hinweg verloren habe, mein Heuschnupfen ein noch nie dagewesenes Level erreicht hat und ich vermutliche stinke wie ein Neandertaler, gönne ich mir für 2 Euro eine arschkalte Dusche und schlafe im sanften Rauschen der Aggregate und Boxenwände meiner Nachbarn ein.

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Tag 2:

Während meine aufblasbare Luma gefühlte 5 kg wiegt und ich sie den langen Weg von Konstanz Richtung Festival schleppte, erfüllte sie ihren Zweck in dieser Nacht nur bedingt. Nach zwei Stunden war die Luft draußen und ich lag auf dem harten Boden. Guten Morgen. Zum Frühstück gibt es für den Schwaben Spätzle auf dem Wasserkocher und ich komme dieses Mal pünktlich zu Hundredth. Während die Jungs bereits auf der Impericon Never Say Die! Tour vergangenen Jahres überzeugten, gefällt mir die Melodic Hardcore-Band auf dem WFF genauso gut und die Menge an Interessierten im Zelt deutet darauf hin, dass die Amerikaner in Zukunft noch viel von sich hören lassen.

Deutschsprachiger Punkrock aus Düsseldorf ist dagegen auf dem WFF nicht wirklich angesagt, obwohl die Rogers mit coolen Riffs und originellen Texten für gute Stimmung bei den wenig Dagebliebenen sorgen. Bei den Franzosen von Rise Of The Northstar stehen die Kiddies wieder Schlange vor dem Moshpit. Die kuriosen Hardcore-Bouncer packen das Publikum von der ersten Minuten an den Eiern und der gesamte Hardbowl spielt verrückt. Leider ist nach nur 35 Minuten Schluss.

Nach einer Babypause steht Candace von Walls Of Jericho wieder auf der Bühne und sorgt für den größten Abriss auf dem Full Force. Positive und fröhliche Ansagen gehen in pissigen Shouts und fetten Breakdowns bei nieselndem Regen in minutenschnelle unter. Was bleibt ist ein Lächeln auf dem Gesicht und ein wütender Mob vor der großen Stage, der im Anschluss die Orange County-Legende Ignite abfeiert. Die Ansagen von Zoltan sind im Gegensatz zu den restlichen Bands politisch sowie kritisch geprägt und sorgt für Inhalt, die bei diesem großen Punk-/Hardcore-Event dazu neigen, unterzugehen. Die U2-Coverversion von „Sunday Bloody Sunday“ oder „Poverty For All“ zünden und das Publikum singt mit.

Wie es Devil You Know zur Spätvorstellung auf die große Stage geschafft haben, bleibt mir ein Rätsel. Sicherlich hat Howard Jones mit Killswitch Engage einige Glanztaten hervorgebracht, doch sein neuestes Projekt ist auf Platte langweilig und die Livequalitäten der jungen Band lassen sehr zu Wünschen übrig. Langeweile macht sich breit und ich bin froh, als die Band die Bühne für Amon Amarth frei macht. Dabei habe ich die Vikinger bereits vor fünf Jahren aus den Augen verloren. Zu eintönig und monoton klangen ihre Alben. Die Pyro-Show sowie die Bühnenkulissen mit skandinavischen Mythologien gepaart, fegen jedoch wie ein Feuerball durchs Publikum und Haare sowie Bärte fliegen durch die Luft, während das eine oder andere Trinkhorn zuerst Richtung Odin und Co. zeigt, bevor es die rauen Stimmbänder der Kehle nochmals befeuchtet.

Nach kreisenden Nackenbewegungen steht mit Rob Zombie eine eher statische Bühnenperformance an, bei der das Schütteln der Mähne sowie die Bewunderung des Horrormeisters im Zentrum steht. John 5 an der Gitarre gibt sich geschminkt und selbstsicher im Umgang mit der leuchtenden Gitarre und beeindruckt geübte Gitarrenspieler. Dabei killt Metal-Guru Rob Zombie mit lässigem Südstaaten-Outfit und aufwendiger Bühnenkulisse jeden Kritiker. Der letzte Termin seiner Tour in Europa endet überraschenderweise nach nur einer Stunde Spielzeit.

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Tag 3:

Der heilige Sonntag markiert auf dem Full Force bereits den letzten Tag des Festivals. Deshalb werden nochmals alle Kräfte mobilisiert. Um 13.30 stehen Volksmetal aus Konstanz mit Tuba und Klampfen auf der Mainstage und sorgen somit für Ersatz für Komiker wie Mambo Kurt. Mit schwäbischen Ansagen und einem spendierten Partyfass Bier durch Don Fidji legen die Konstanzer einen grandiosen Eröffnungsgig am letzten Festivaltag hin.

Death Before Dishonor wären sicherlich besser auf dem Hardbowl aufgehoben gewesen. Sie spielen jedoch astreinen Hardcore aus Boston und legen zum Nachmittag eine fette Show hin, die nach vierzig Minuten endet. Es folgt die exzentrische und energische Bühnenshow von The Dillinger Escape Plan und nachdem ich mich gegen Raised Fist, die um die gleiche Uhrzeit spielen, entschieden habe, fühle ich mich während den vierzig Minuten am rechten Fleck. Die Songs sind komplex, machen ordentlich Lärm und während die Sonne auf die Schädel des Publikums brennt, erfolgt jeder rhythmische Einsatz punktgenau. Damit zählt die Mathcore-Band zur größten Überraschung des Festivals.

Wie Death Before Dishonor spielen entgegen jeglichen Regeln des Verstandes Madball ebenfalls auf der großen Bühne vor mehrheitlich neuem Publikum. Der Sound ist fett und Freddy ist mit seinem neuen Material von „Hardcore Lives“ im Gepäck jedoch mehr als gut gestimmt. Der Funke springt dennoch erst gegen Ende des Konzertes über, was dem Genuss der Show keineswegs abträglich entgegenwirkt. Selbst die fünfte Show der N.Y.H.C.-Legende tat Recht daran, das Konzert von Dritte Wahl sausen zu lassen, obwohl mich die Rostocker Punker genauso großgezogen haben wie die New Yorker.

Die nächsten Gewissensbisse jagen mich als ich mich für die Briten von Architects entscheide und eine meiner Lieblingsbands außen vor lasse. Sepultura hatten mich schon vor Jahren überzeugt. Deshalb gehe ich rüber zum Zelt und singe mit den Briten die Songs, die mir in den vergangen Jahren ans Herz gewachsen sind. Die Livequalitäten der Briten sind durchaus ausgeprägt und vor allem Sänger Sam Carter legt sich mit Sea Shepherd-Tank am Mirkofon ins Zeug. Dabei finden sich hauptsächlich Songs der letzten drei Alben im Repertoire, die im Gegensatz zu den Studioversionen heftiger umgesetzt werden und somit für mehr Dampf sorgen. Sogar Oli Sykes von Bring Me The Horizon schaut kurz vorbei und wütet zusammen mit den Architects auf der Bühne.

Nach so vielen positiven Messages sorgen Behemoth für düsteren Gegenschwung und eröffnen ihre knapp einstündige Show mit einem typischen Black Metal-Intro. Feuer, Flamme und sonstige Symboliken tragen zur dunklen Grundatmosphäre bei und selbst der Hardcore-Hörer muss zugeben, dass das Konzert durchaus seinen Reiz besitzt und durch ein exklusives Bühnenbild imposant wirkt.

Was im Anschluss folgt, passt zwar nicht wirklich in die Reihenfolge der Band, doch Bring Me The Horizon zählen mittlerweile zu den großen Vertreten des Metalcore und mit ihrem letzten Album „Sempiternal“ haben sie wohl ihre Reichweite vergrößert. Die Intros und Samples zeugen von gewollter Eingänigkeit und zielen sowohl auf die Ohren des Mosh-Volkes sowie die Herzen aller Mädchen, die sich den Frontmann krallen wollen. Drei Wall Of Deaths und ein Fronter, der durch sein Gebrüll hin und wieder seine Stimme verliert, machen das BMTH-Konzert zu einem erfolgreichen Live-Event, bevor der britische Gentleman und Warzen-Ikone Lemmy die Bühne mit Motörhead betritt.

Wenn man die Rock’n’Roller schon mal gesehen hat und die Scheiben kennt, weiß man, dass einen auf keinen Fall etwas Neues oder Unvorhersehbares erwartet. Die ersten 60 Minuten ziehen an mir vorbei, in dem ich die vergangenen Tage rekapituliere und mir bei jedem Song die Frage stelle, ob ich mich doch eher meiner Körperpflege widmen und duschen gehen soll. Als „Overkill“ und „Ace Of Spades“ zum Schluss ertönen, freue ich mich kurzzeitig, bin aber froh, dass das Konzert endlich vorbei ist.

Mit der Tatsache, dass dies für mich das Ende des Festivals bedeutet, falle ich in eine tiefe Depression und atme nochmals auf dem Weg zum Zelt den Geruch von Bier, Grill und Urin ein, bevor meine Nachbarn mich mit Punk-Perlen von den Kassierern und ihrem besoffenem Gegröle für einige Stunden meiner letzten Nacht unterhalten. Was bleibt sind Erinnerungen an drei wundervolle Tage eines Festivals, das ich lange vermisst habe und dessen Booking wie die Faust aufs Auge auf meinen Musikgeschmack passt. Wir sehen und ganz bestimmt wieder, WITH FULL FORCE.

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Eine Antwort

  1. Pingback: Die besten Punk-/Hardcore- und Metal-Alben 2014 | 24hourhate

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